Aktuelle Zeit: So 20. Mai 2018, 16:48


Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Reaktionen aus dem Umfeld, v.a. bezüglich Freizeitverhalten
BeitragVerfasst: Fr 19. Dez 2014, 15:04 
Administrator
Benutzeravatar

Registriert: Mi 20. Aug 2014, 07:55
Beiträge: 96
Diagnose: vor OP: thoralumbale juvenile /adoleszente Skoliose, ca. 55°
Operation: 1997 Versteifung Th3 - L5 / Hessing-Klinik Augsburg; kaum Restgrade, sehr gutes OP-Ergebnis
Hallo,

auch bei einer gut verlaufenen Versteifungs-OP ist mit zumindest geringfügigen Einschränkungen zu rechnen. Im Freizeitverhalten, gerade bei jüngeren Leuten, kommen diese bei spontanen, sportlichen, unergonomischen Situationen schon mal zum Tragen: Jemand veranstaltet zum Geburtstag ein Go-Kart-Fahren und lädt euch ein, es soll als Vereinsausflug gezeltet werden, für eine Gruppe von Leuten wirkt Busfahrt nach Italien als spaßige Aktion... für Skoliose-Operierte ist sowas eher beschwerlich. Auch wenn man sich ansonsten gut fühlt, ist der Unterschied zu "rückengesunden" gleichaltrigen, insbesondere in jungem Alter, einfach vorhanden.

Welche Reaktionen aus dem Umfeld sind euch begegnet, wenn ihr aufgrund von Einschränkungen abgesagt oder um eine kleine Änderung der Planung gebeten habt? Wie ergeht es euch, wenn in eurem Umfeld häufiger solche Aktionen anstehen? Gab es Ablehnung? Wurde eure Aussage als Übertreibung oder Ausrede angesehen, auch nach Erklärung?


Zu mir:
Mein privates Umfeld ist ziemlich klein. Meine Freunde wie auch meinen Partner kenne ich schon länger, haben teilweise auch gesundheitliche Einschränkungen oder kennen diese von jungen Menschen aus ihrer Familie, für sie ist es normal, dass man nicht bei allem mitmachen kann. Eine lose Clique, in der es hauptsächlich auf den Spaßfaktor ankommt, hatte ich nie (bin auch nicht so der Typ dafür). Negative Reaktionen aus dem selbst ausgewählten privaten Umfeld kenne ich diesbezüglich nicht.
Da ich selbst nie ein besonders sport- und action-interessierter Mensch bin, habe ich auch nicht durch die Korsettbehandlung oder die OP ein Umfeld wie z.B. Sportverein oder sehr sportorientierte Freunde verloren.

Aus dem beruflichen Umfeld kenne ich auch eher positive und neutrale Reaktionen. Manchmal gab es zunächst Nachfragen, weil etwas unverständlich ist (z.B. kann sich jemand mangels Erfahrung nicht vorstellen, warum langes Sitzen wie z.B. bei einer neunstündigen Busfahrt bei "Rückenproblemen" anstrengt, da man ja mit dem Gesäß und nicht dem Rücken sitze, und was an Skifahren unangenehm sei, dabei würde man sich schließlich nicht bücken müssen :stirn: ), aber es wurde dann so akzeptiert, mal freundlich, mal irritiert-betroffen, mal mit noch etwas Skepsis.
Negative Reaktionen sind mir z.B. eher von Lehrern begegnet (manchmal Vermutung von Faulheit oder ich wäre mir "zu fein" für sportlichere Ausflüge), oder aus dem Umfeld von Freunden.


Viele Grüße
Raven

_________________
MeineRB


Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um so zu sein, wie andere mich haben wollen.


Nach oben
Offline Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionen aus dem Umfeld, v.a. bezüglich Freizeitverhal
BeitragVerfasst: So 28. Dez 2014, 17:48 
Administrator
Benutzeravatar

Registriert: Di 19. Aug 2014, 20:55
Beiträge: 122
Wohnort: Eckental
Diagnose: Hyperkyphose 96°, Morbus Scheuermann, Keilwirbel, leichte Skoliose, ca 35°
Operation: 27.10.2010, WWK Bad Wildungen, Th3-L1, nach OP 60° Kyphose (30° im versteiften Bereich), Skoliose unter 10°
Hallo Raven,

erstmal danke für dieses Thema!

In meiner Jugendzeit war das häufig ein Problem. Ich war zwar damals noch nicht operiert, litt aber unter starken Schmerzen und war (wohl infolgedessen) auch immer sehr erschöpft. Ich habe häufig Ausflügen mit Freunden oder auch mit der Schule abgesagt. Wenn ich doch mitgegangen bin, war es meistens eine Quälerei.
Damals kam mir nur begrenztes Verständnis entgegen. Ich hatte 2 sehr gute Freundinnen die das akzeptiert haben und auch weitestgehend drauf Rücksicht genommen haben. Leute, die mich aber nicht SO gut kannten, haben mich entweder sofort "abgeschrieben" und ausgeschlossen, oder - was eigentlich noch schlimmer war - erst Verständnis geheuchelt, mich dann aber dann in irgendeiner Form voll ins Messer laufen lassen. So nach dem Motto: Komm doch mit, wir nehmen schon auf dich Rücksicht und passen auf. Ignorieren dann aber meine Bitten nach Pausen o.ä. völlig.
In der Familie Stand vor allem meine Mutter hinter mir. Mein Vater und auch meine Geschwister und mein Großvater haben erheblich länger gebraucht, bis sie begriffen haben, dass das keine pubertäre ich-will-Aufmerksamkeit-Phase ist. Das war zum Teil schon wirklich verletzend, wenn die eigene Familie einen nicht ernst nimmt. Das hat sich zum Glück irgendwann noch gewandelt... und sie bemühen sich zumindest.

Jetzt, als erwachsene und operierte ist es im allgemeinen etwas besser. Allein durch das Stichwort "Rückenoperation" kann ich auch Fremden schnell begreiflich machen, dass manches einfach nicht geht. Auch wird man als Erwachsener einfach eher ernst genommen, als als Teenager.

Im Detail wird es aber manchmal schon schwieriger. Ich mache zum Beispiel etwas Sport - historisches Fechten (Schwertkampf, wir machen im Training auch etwas "normalen" Kampfsport). Ich bin mit den meisten Leuten dort auch befreundet und habe sie sehr gern. Dass man mir nicht auf den Rücken schlagen soll ist denen völlig klar. Es gibt aber Übungen die ich absichtlich aussetze, wo sie manchmal schon etwas verständnislos schauen. Denen ist häufig nicht das ganze Ausmaß der Sache bewusst. Viele Leute wissen gar nicht, bei was für Bewegungen man die Wirbelsäule braucht, und wie sehr es einschränkt wenn dann zusätzlich auch noch was wehtut oder z.B. die Hüftgelenke spinnen... Sie akzeptieren das meistens schon, aber vereinzelt kommt dann von irgendeinem ein unbedachter Kommentar (der nicht böse gemeint ist), aber mich trotzdem irgendwie verletzt. Allein der irritierte Blick, wenn ich die Übung unerwarteterweise abbreche, trifft mich irgendwie.
Manche Übungen habe ich auch schon probiert und festgestellt: das ist nichts für mich, Verletzungsgefahr und Schmerzen sind zu hoch. Wenn sie dann aber gesehen haben, dass ich das schon mal gemacht habe, wundern sie sich warum ich es das nächste mal nicht mehr tue.

Sogar mein Freund - der sehr sozial und fürsorglich ist, wirklich einer der verständnisvollsten und einfühlsamsten Menschen die ich kenne. - Ich glaube ihm ist nicht wirklich klar, wie häufig ich bei Kleinigkeiten Schmerzen und oder Einschränkungen habe. Erst bei bei den wirklich starken Einschränkungen und Schmerzen bekommt er das bewusst mit, wenn es nur ein bisschen hakt oder zwickt, registriert er das nicht, und ich muss ihn - wenn nötig - noch extra darauf hinweisen. Das ist okay und ich kann damit leben. Aber auf Dauer, und mit den weniger rücksichtsvollen Menschen dieser Welt finde ich das alles sehr anstrengend und frustrierend.
Wenn ich mal schlechte Tage habe, und dann kommt noch irgend ein "gesunder" 60jähriger daher und meint: "Wie, sie haben Schmerzen? Aber sie sind doch noch so jung?!"
- Dann möchte ich ihm am liebsten vor den Latz knallen, dass ich wahrscheinlich schon als Teenager mehr Schmerzen erlebt hatte, als er in seinem ganzen Leben. Mich persönlich laugt es aus und im großen und ganzen fällt es mir schwer, damit umzugehen - und es zu akzeptieren.

Ich nehme an das Umfeld würde besser reagieren wenn ich selbst gelassener damit umgehen könnte, aber das fällt mir leider schwer.

_________________
Bild


Nach oben
Offline Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionen aus dem Umfeld, v.a. bezüglich Freizeitverhal
BeitragVerfasst: So 28. Dez 2014, 20:21 

Registriert: So 28. Dez 2014, 20:05
Beiträge: 1
Diagnose: Skoliose, Hyperkyphose, Hyperlordose, Spinalkanalstenose, Spondylolisthesis L5/S1
Operation: 20.07.2011, Werner-Wicker-Klinik Reinhardshausen/Bad Wildungen, versteift von Th8-L3, 22° Restkrümmung, dorsaler Zugang
Hallo,

vor allem an meiner alten Schule sind mir viele Leute mit Unverständnis und Ablehnung begegnet. Sie sagten z. B., ich würde doch nur nicht am Sportunterricht teilnehmen, weil ich keine Lust hätte. Meine Sportlehrerin meinte, ich könnte am Sporttag als Zuschauerin zuschauen - auch, nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich keine acht Stunden auf diesen unbequemen Bänken sitzen kann. Als ich dann trotzdem zu Hause geblieben bin, hat sie mir richtig Ärger gegeben, obwohl mein Arzt mich für den Tag vom Unterricht freigestellt hat.

Ein andernmal - das war so ca. 9 Monate nach der OP - haben wir überlegt, wo wir zum Wandertag hinfahren. Jemand hat den HeidePark vorgeschlagen, und ich habe gefragt, ob wir nicht woanders hin können; ich konnte dort damals nichts machen. Deswegen habe ich als Kompromiss den Serengeti Park Hodenhagen vorgeschlagen. Hinterher meinte eine Klassenkameradin (ausgerechnet die, die auch eine Skoliose-OP vor sich hatte) zu mir: "Das ist voll scheiße. Nur wegen Dir fahren wir jetzt nicht in den HeidePark. Du hättest doch auch einfach zu Hause bleiben können." Sie hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlt. Ich wollte die OP nicht und sollte deswegen auch noch ausgeschlossen werden.

Und meine "beste Freundin" hat mir die Freundschaft gekündigt, weil ich mich seit der OP anders verhalte (kein Wunder, ich bin jetzt behindert und traumatisiert).

Also wirklich super: Man wird gegen seinen Willen operiert, zur Behinderten gemacht, hat ständig Schmerzen - und wird dann auch noch so behandelt.

Liebe Grüße,

Dracula


Nach oben
Offline Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Reaktionen aus dem Umfeld, v.a. bezüglich Freizeitverhal
BeitragVerfasst: So 28. Dez 2014, 22:16 
Administrator
Benutzeravatar

Registriert: Mi 20. Aug 2014, 07:55
Beiträge: 96
Diagnose: vor OP: thoralumbale juvenile /adoleszente Skoliose, ca. 55°
Operation: 1997 Versteifung Th3 - L5 / Hessing-Klinik Augsburg; kaum Restgrade, sehr gutes OP-Ergebnis
Hallo Divided,

Zitat:
Auch wird man als Erwachsener einfach eher ernst genommen, als als Teenager.

das kann ich bestätigen. Insbesondere Lehrer oder andere "Aufsichtspersonen" dachten durchaus, ich wolle Aufmerksamkeit oder wolle mich vor unangenehmen Tätigkeiten drücken. Wer mich dann näher kennenlernte und auch mehr über die Erkrankung erfuhr, bemerkte dann, dass ich vielmehr jemand bin, der auf diese Art von Aufmerksamkeit echt verzichten kann und viel darum gäbe, ein gesunder, unauffälliger Teenager zu sein.
Bei einem Erwachsenen nimmt man es weniger häufig an, sich "aufspielen" zu wollen. Ein weiterer Vorteil besteht darin, als Erwachsener anders als als Jugendliche/Schülerin weniger mit Situationen konfrontiert zu sein, in denen man mit Leuten, die man sich nicht selbst aussuchen kann, Freizeitaktivitäten ausführt - ein Ausflug mit Freunden ist schon etwas ganz anderes als mit einer Schulklasse.

Zitat:
Wenn ich mal schlechte Tage habe, und dann kommt noch irgend ein "gesunder" 60jähriger daher und meint: "Wie, sie haben Schmerzen? Aber sie sind doch noch so jung?!"

Das kenne ich auch... Ist mir z.B. mit Ausbildern/Praktikumsanleitern passiert.
Die negativen Reaktionen bzgl. Ausflügen kenne ich aus der Schule oder von anderen Gruppen, bei denen man mitfährt ohne befreundet zu sein. Es ging dabei nicht unbedingt um die Auswahl des Ziels - bestimmte Schulausflüge waren ein fester Teil des Schullebens, also z.B. die achten Klassen fahren immer ins Skilager, die neunten in den Freizeitpark -, aber oft um Details des Ablaufs, etwa, wenn ich etwas dagegen hatte, die "Abkürzung" zum Busparkplatz zu nehmen (steilen Hang hinunterfahren) oder beim Ausflug noch eine Tretbootrunde einzuplanen oder nicht, bei Klassenfahrten Hilfe beim Gepäck etc.

Zitat:
Mich persönlich laugt es aus und im großen und ganzen fällt es mir schwer, damit umzugehen - und es zu akzeptieren.

Kann ich sehr verstehen. Da mein Umfeld so klein ist, und ich meistens nur mit immer den selben wenigen Leuten näher in Situationen, in denen es zu Beschwerden, körperlich zu belastenden Situationen etc. kommen kann, zu tun habe, ist das nicht so sehr Teil meines Alltags.

Bei meinem Freund - auch sehr verständnisvoll, und dass Menschen Behinderungen haben können, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit - waren bestimmte Dinge in der ersten Zeit der Beziehung auch schwierig. Einerseits bin ich, verglichen mit vielen anderen Skoliose-Operierten, ziemlich fit und komme im Alltag gut zurecht. Meine Einschränkungen nenne ich, wenn nötig, hänge sie aber nicht "an die große Glocke". Bei manchen Tätigkeiten, die nicht so umständlich wirken (wenn man sich mit Skoliose-OP nicht auskennt), habe ich natürlich doch Einschränkungen. Es war da, verständlicherweise, schon etwas schwierig, zu vermitteln, warum für mich z.B. eine fünfstündige Anfahrt zu einem Wochenendurlaub mehr Mühe denn Erholung ist, ich aber z.B. bergwandern kann, lange in der Stadt auf Museumstour unterwegs sein kann, mich zum Hobby-Steinmetzkurs anmelde oder ewig in der Küche komplizierte Kuchen backe. Nicht, dass er mir nicht glaubte, dass manches Beschwerden macht - eher hatte er Sorgen, dass ich mich überfordere. Insbesondere Tätigkeiten, die relativ gut funktionieren, aber mit Versteifung etwas umständlich wirken, machten ihn da skeptisch, ob ich mir nicht zu viel zumute. Mit der Zeit und mit entsprechend viel gemeinsamem Alltag lernte er das aber gut einschätzen :tröst: sodass ich mich nicht mehr "überumsorgt" fühle. Für ihn sind meine durch die Versteifung bedingten Einschränkungen mit der Zeit zu einem Teil dessen, wie ich bin, geworden.

Viele Grüße
Raven

_________________
MeineRB


Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um so zu sein, wie andere mich haben wollen.


Nach oben
Offline Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
tanie meble warszawa i okolice tanie meble warszawa forum
Gehe zu:  
cron
[ Datenschutz ] Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Theme created StylerBB.net kuchnie warszawa

Deutsche Übersetzung durch phpBB.de